Alain Kirili und Hermann Nitsch
Œuvres historiques
Alain Kirili, eine bedeutende Persönlichkeit der zeitgenössischen französischen Bildhauerei, entwickelte ab den 1970er Jahren ein Werk, das sich intensiv mit dem Verhältnis von Form, Raum und Bewegung auseinandersetzt. Inspiriert sowohl von der Geschichte der westlichen Skulptur als auch von Musik, Tanz und Kalligrafie, löst sich sein Schaffen von einer monumentalen und statischen Auffassung der Skulptur zugunsten eines sensiblen, rhythmischen und organischen Umgangs mit der Form. Die Geste des Künstlers bleibt in seinen Arbeiten – ob aus Stahl, Bronze oder Ton – stets spürbar. Seine oft aus wiederholten oder zusammengefügten Elementen bestehenden Formen schaffen eine besondere Beziehung zum Körper und zum Raum, geprägt von Spannung, Gleichgewicht und Bewegung.
Sein Werk steht in engem Dialog mit der Musik, insbesondere mit Jazz und zeitgenössischer Musik; von dort überträgt Kirili Konzepte wie Rhythmus, Improvisation und Komposition in den skulpturalen Raum. Die Skulptur wird so zu einer offenen Sprache, die auf Variation und der Bewegung des Blicks beruht.
Die Ausstellung präsentiert zudem eine Werkgruppe auf Papier, die Alain Kirili 1982 schuf und die einen weiteren Aspekt seines Schaffens offenbart. Diese in Form und Inhalt radikalen Arbeiten sind durchdrungen von seinem Interesse am Sakralen und an den großen biblischen Erzählungen. Sie zeugen zudem vom Einfluss der japanischen Kalligrafie, mit der sich Kirili Anfang der 1980er Jahre intensiv auseinandersetzte – er ließ sich sogar von einem Kalligrafen ausbilden und reiste nach Japan, um seine Kenntnisse dieser traditionellen Kunst zu vertiefen. Die für seine skulpturale Praxis essenzielle Geste findet hier einen neuen Ausdruck: Der Strich wird zugleich zu Form und Schrift. Auf diese Weise erweitern die Zeichnungen seine Auseinandersetzung mit dem Sakralen, insbesondere mit dem Thema der Kreuzigung, das er als grundlegend für das westliche künstlerische und spirituelle Erbe betrachtet.
Hermann Nitsch, 1938 in Wien geboren, zählt zu den Hauptvertretern des Wiener Aktionismus. Ab den späten 1950er Jahren entwickelte er eine künstlerische Praxis, die die traditionellen Grenzen zwischen Malerei, Theater, Musik und Performance überschritt. Seinen radikalsten Ausdruck fand sein Schaffen im „Orgien-Mysterien-Theater“, das als Ritualtheater und kollektives Erlebnis der Katharsis konzipiert war.
Sein Werk ist tief geprägt von den Begriffen Ritual, Opfer, Spiritualität und Transzendenz. Bereits 1960 gingen aus seinen Malaktionen die sogenannten „Schüttbilder“ hervor – großformatige Leinwände, die durch das Gießen und Spritzen von Farbe entstehen. Die Farbe Rot nimmt darin eine zentrale Stellung ein und evoziert zugleich Blut, Leben, Tod und Opfer. Farbe wird zu Materie und Geste, während das Gemälde die Spur der Aktion bewahrt, durch die es entstanden ist.
Ab den 2000er Jahren erweiterte Nitsch schrittweise seine Farbpalette und maß insbesondere dem Gelb große Bedeutung bei, dessen Leuchtkraft seine Kompositionen tiefgreifend verändert. Im Zusammenspiel von Rot, Gelb und Orange gewinnt die Farbe eine neue, strahlendere und spirituellere Dimension, ohne dabei jene physische Kraft einzubüßen, die sein Werk auszeichnet.
Im Zentrum eines seiner Werke steht ein weißes Hemd – ein Element, das ab den 1980er Jahren immer wieder auftaucht. Dieses Hemd, das Hermann Nitsch während seiner Malaktionen trug und das die Spuren seiner „Stigmata“ aufweist, wird anschließend wie eine T-förmige Trophäe auf der Leinwand platziert. Es wird zur Metapher für die „Kenosis“ – ein griechischer Begriff, der den Akt der Selbstentäußerung oder des Ablegens aller Dinge beschreibt. In der Theologie bezeichnet Kenosis den Verzicht auf göttliche Attribute. Doch über diese symbolische Deutung hinaus scheint sie vor allem den Wunsch des Künstlers zu verdeutlichen, seine eigene Präsenz tief im Inneren des Werks einzuschreiben und so die Grenze zwischen Körper und Malerei aufzuheben.
Auch einige Zeichnungen von Hermann Nitsch sind in der Ausstellung zu sehen. Diese nicht-figurativen „Kritzeleien“ – wie der Künstler sie selbst nennt – entstanden durch freie, spontane Gesten. Sie zeugen von der instinktiven und gestischen Dimension seines Schaffens. Die Linienführung – mal nervös, mal dichter – offenbart eine Spannung zwischen Zerstörung und Schöpfung, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk des Künstlers zieht.
Obwohl sich ihre künstlerischen Ansätze und Welten unterscheiden, teilen Alain Kirili und Hermann Nitsch ein besonderes Augenmerk auf die Materialität des Werks und die Kraft der Geste. Bei Kirili konstituiert die Geste die Form im Raum; bei Nitsch hingegen wird sie zu Aktion, Spur und malerischer Materie. Unter dem Glasdach der Galerie vereint, treten ihre Werke in einen Dialog, in dem die Materie zum Ausgangspunkt für eine Erfahrung wird, die zugleich körperlich und sinnlich ist.
Text © RX&SLAG Paris