De Sanguine / Vom Blut

Gruppenausstellung in Mailand

 

Vom 16. Oktober bis zum 23. Dezember 2026 präsentiert BKV Fine Art in Mailand die Gruppenausstellung „De Sanguine“. Das Projekt, das auf einer ursprünglichen Idee von Gabriele Tinti basiert, widmet sich der Dichotomie von Blut und Körper – einerseits als grundlegende Erfahrung für deren Erkenntnis und Wahrnehmung, andererseits als Symbol für Martyrium und Opfer. Inspiration und poetische Leitlinie des Projekts ist ein Zitat aus dem Buch Levitikus (17,14): „Denn das Leben alles Fleisches ist sein Blut; es ist sein Leben.“

Vor diesem Hintergrund umfasst die Ausstellung 46 Werke – darunter antike, moderne und zeitgenössische Arbeiten –, die die fundamentale Rolle beleuchten, welche das Blut seit jeher in Kunst und Theologie spielt. Sie zeugen von dem – in jeder Epoche anzutreffenden – Bestreben, dem Leben und dem Tod einen Sinn zu verleihen sowie ästhetische Ideale zu formen.

Breiter Raum wird daher den Meistern des 16. und 17. Jahrhunderts eingeräumt – Antonio De Bellis, Antonio d’Enrico, genannt Tanzio da Varallo, Andrea Vaccaro, Giuseppe Vermiglio, Louis Finson, Pseudo Pier Francesco Fiorentino, Andrea De Aste (bekannt als „Maestro dei Penna“) sowie Giovan Pietro Rizzoli, genannt Giampietrino. Sie alle verstanden es, die genannten Anliegen in Bilder von starker theatralischer und lichtvoller Intensität zu übersetzen, in denen das Blut zugleich Schmerz und Erlösung, Körperlichkeit und Transzendenz verkörpert.
Neben ihnen stehen zeitgenössische Künstler, die das Verhältnis zwischen Körper, Bild und Sakralität neu definiert haben. Bei Joel-Peter Witkin verwandelt sich der Tod in ein zeitgenössisches Barocktheater, in dem Blut – ob echt oder simuliert – Teil einer Inszenierung wird, die das Sakrale mit dem Profanen verwebt. Andres Serrano nutzt Blut als fotografisches Material; er hebt die Distanz zwischen Symbol und Substanz auf und befragt die Schwelle zwischen Spiritualität und Materialität. Bei Lucio Fontana wird der Schnitt in der Leinwand zur Urwunde und zu einer Öffnung in den Raum. Regina José Galindo erforscht anhand ihres eigenen Körpers die politischen und sozialen Implikationen von Gewalt und Ungerechtigkeit; in einer jüngsten Performance setzte sie ihren blutenden Körper in Bezug zu den Namen lateinamerikanischer Märtyrer – ein Dialog, der auch das Werk „Omaggio all’America Latina“ von Emilio Scanavino einbezieht. Linda Carrara untersucht mittels der Frottage-Technik Landschaften und das Gedächtnis von Orten; sie lässt die verletzliche „Haut“ der Erde als eine Spur zwischen Leben und Tod hervortreten. Zu den weiteren ausgestellten Künstlern zählen: Marina Abramović, Bertozzi & Casoni, Eteri Chkadua, He Yunchang, Francesco Clemente, Gina Pane, Carol Rama, Mario Segantini, Julio Galán, Roy Kortick, Paul McCarthy, Hermann Nitsch, Piotr Uklański, Jonathan Meese, Laura Panno, Zehra Doğan, Tania Pistone, Anish Kapoor, Roger Ballen und Giovanni Testori.

Das Blut in ein Bild verwandeln

Für die Evangelisten und die frühen Christen war das Bedürfnis groß, den materiellen Fallen dieses Lebens zu entfliehen; sie waren bereit zum Martyrium, zur Selbstaufgabe und zur Identifikation mit dem Leib Gottes im Geiste der „imitatio Christi“. Noch bevor sie zum Bild, zur Körperlichkeit oder zur Flüssigkeit werden, sind Blut und Leib das Medium, durch das der Mensch sich selbst erkennt und in der Welt Gestalt annimmt – oder sich in ihr durch den Tod verliert. Platon beschreibt die Körperlichkeit als Gefängnis der Seele, während Husserl den Leib als ein vom Bewusstsein erlebtes Objekt begreift. Der Leib erscheint somit als wahrnehmendes oder wahrgenommenes Subjekt bzw. Objekt. Leib und Blut sind folglich kein Besitz, sondern das, was der Mensch in seinem Dasein in der Welt „ist“: Jede Geste, jede Wahrnehmung, jede Berührung ist bereits in eine körperliche Dimension eingeschrieben, die der eigentlichen Darstellung vorausgeht.
„De Sanguine“ untersucht, wie die Kunst die Darstellung von Leib und Blut aufgegriffen hat, ohne deren sinnliche Komplexität zu schmälern. Die ausgestellten Künstler entwerfen kein statisches Bild dieser beiden Elemente, sondern erforschen ihre Schwellen, Brüche und Krisenzonen. Der Leib tritt als eine Fläche in Erscheinung, die von Zeichen, Wunden und Blutströmen durchzogen ist – zugleich aber auch als eine unzugängliche Tiefe; er ist eher ein Prozess ständiger Wandlung als eine festgelegte Form. In dieser Sichtweise sind Leib und Blut keine getrennten Elemente, sondern eine ursprüngliche, vitale Einheit. Erst im Tod zerfällt diese Einheit: Der Leib löst sich auf, und das Blut – einst ein inneres Prinzip – wird zur Spur und zum Zeugnis; es markiert den Übergang vom Zusammenhalt zur Metamorphose. Das Blut nimmt so eine zentrale und zugleich ambivalente Rolle ein: Es ist ein Zeichen des Lebens und dessen Verletzlichkeit – ein Element, das die Grenze zwischen Innen und Außen, Sichtbarem und Unsichtbarem in Frage stellt. In seinem Fließen öffnet sich der Körper der Zeit, der Wandlung und der Grenze.

Mit dem Tod – sei es durch Opfer, Martyrium oder auf natürliche Weise – wandelt sich der Körper, er zehrt sich auf und regeneriert sich, wobei er eine Verbindung mit der Erde eingeht. Diese ist hier nicht als bloßer Hintergrund zu verstehen, sondern als lebendige Materie und als Prinzip der Kontinuität zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen. In vielen Werken wird die Erde zum Ort der Bestattung, der Sedimentation oder der Transformation; sie evoziert einen Kreislauf, der über den Körper selbst hinausreicht.
Auf der Ebene der Darstellung legt die Ausstellung nahe, dass der Körper nicht allein im bloßen Betrachten aufgeht, sondern Erinnerung und taktile Wahrnehmung erfordert. Das Bild bleibt instabil und assoziationsreich; der Betrachter wird zum aktiven Teil des Prozesses und ist mit seinem eigenen Körper in die Erfahrung der Werke einbezogen. In diesem Bildraum offenbart sich der Körper nicht als ein zu betrachtendes Objekt, sondern als lebendige Bedingung der Erfahrung: als erste Geografie, die wir bewohnen – ein Territorium, das von Spannungen, Wunden und Wandlungen durchzogen ist. Hier wird er selbst zu Boden und öffnet sich für einen tiefgründigen Dialog mit der Erde. Das Blut, ein zentrales Element des Rundgangs, tritt als biologische und symbolische Spur in Erscheinung – als Zeichen eines Übergangs, das zugleich verbindet und trennt, wobei es an uralte Rituale ebenso erinnert wie an zeitgenössische Spannungen. Die Transfiguration durchzieht die Werke als ein kontinuierlicher Prozess: Der Körper löst sich auf und setzt sich neu zusammen, er wird zur Landschaft und zur irdischen Materie. Auf diese Weise erscheint die Beziehung zwischen Mensch und Erde zugleich als intim und konfliktreich – ein Spannungsfeld zwischen Ursprung, Wandlung und Auflösung.
„De Sanguine“ lädt den Betrachter dazu ein, sich mit seiner eigenen ursprünglichen Dimension auseinanderzusetzen. Dabei wird der Körper als ein Archiv von Beziehungen begriffen, die Erde hingegen als eine sinnliche Erweiterung des eigenen Seins. In diesem Raum wandelt sich das Sehen in Erfahrung, und die Materie lädt sich mit Bedeutungen auf. Sie gibt dem Körper seine Natur als Schwelle zurück – eine Schwelle zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Menschlichen und dem, was jenseits des eigenen Selbst liegt.

Anlässlich der Ausstellung erscheint der Band „De Sanguine“ (herausgegeben von Eris Press) mit Gedichten von Gabriele Tinti sowie Essays von Simon Critchley, Dimitris Lyacos, Georges Didi-Huberman, Gabriele Finaldi, Angelo Tartuferi, Catherine Nixey und Massimo Cacciari.

Text © BKV Fine Art, Mailand

Ausstellungsansichten  © Bruno Bani
Bild 1 mit links: © Linda Carrara, „Le viscere del paesaggio“ 2024, Mitte: © Giovanni Testori, „Nudo“ 1973, rechts: Hermann Nitsch, o.T. 2007
Bild 2 mit links: Hermann Nitsch, „123. Aktion / Teatrum Anatomicum“, 2007/08, vorne: Bertozzi & Casoni, „Astratto“ 2013, rechts: © Paul McCarthy, „Bossy Burger“ 1991 – 1992

16. Oktober — 23. Dezember 2026

BKV Fine Art
via Fontana 16
20122 Mailand
Italien
bkvfineart.com

Montag bis Freitag 11 — 18 Uhr
Eintritt frei