Das letzte Abendmahl

Ausstellung zur sinnlichen Intensität von Kult- und Ritualvorgängen

Die Nitsch Foundation widmet sich in ihrer neuen Ausstellung „Das letzte Abendmahl“ einem grafischen Hauptwerk von Hermann Nitsch. Er nutzt darin die vertraute christliche Ikonografie, um sich über das Thema der Eucharistie einem zentralen Motiv seines Orgien Mysterien Theater zu nähern: dem intensiven Erleben des Seins.

Mitte der 1960er-Jahre begann Hermann Nitsch, angeregt durch Arbeiten von Walter Pichler, Hans Hollein und Raimund Abraham Architekturskizzen anzufertigen. Da er der Gegenwartsarchitektur nichts abgewinnen konnte, sollten seine Bauten unter der Erdoberfläche entstehen, sich förmlich wie Eingeweide in die Erde schlingen. Er begann für all jene Aktionen des 6-Tage-Spieles, die nicht im Freien oder in den Räumen von Schloss Prinzendorf stattfinden, eine unterirdische Theateranlage bestehend aus sich vegetativ windenden Gängen, Höhlen und Kammern zu entwerfen. Das „Naturereignis Mensch“ wurde zum Vorbild für seine architektonischen Entwürfe. Die Sinnlichkeit des nach außen gekehrten Innersten als Motiv des Orgien Mysterien Theaters zeigt sich durch organische Nieren- und Leberformen und sich windende Gedärmegänge. Zeichnungen wie das „Letzte Abendmahl“ oder die „Grablegung“ beschrieb er als „architekturzeichnungen nach gegenständlichen vorbildern“.

Im Vordergrund von Nitschs Interpretation der biblischen Szene stehen zwölf Figuren, die einen vierarmigen Torso im Zentrum umrahmen. Die Darstellung dieser zentralen Gestalt erinnert an Entwürfe des vitruvianischen Menschen, dessen ideale Proportionen die Architekten der Antike auf alle Bauwerke übertragen sollten. Nitsch beschriftete seine Zeichnung mit den Worten: „entwurf einer unterirdischen stadt nach dem bilde des letzten abendmahles für das aktionsdrama die zerstörung und wiederentstehung unseres weltalls“. Zusammen mit den ebenfalls ins Bild gesetzten physikalischen Gleichungen zur Ausdehnung des Universums liegt es nahe, die Zeichnung auch als einen Wunsch zur Analogie, einem „Sich-gleich-Sein“, von Mensch und Kosmos zu interpretieren.

In Nitschs „Letzten Abendmahl“ werden die menschlichen Figuren nur durch ihre Umrisse, Muskeln, Organe oder Skelette dargestellt. Diese Figuren sind zum Teil auf und in Entwürfe fiktiver Räume eingebettet. Sie werden im Verlauf der Bildkomposition weiter abstrahiert. Menschliche Gestalten, Föten im Mutterleib und schreiende Münder verschmelzen mit organisch geformten Räumen zur einer weitläufigen Aktionsarchitektur. Hermann Nitsch greift hier auf das konzeptuelle Vokabular zurück, das er 1971 in der Zeichnung zur Tragödie „Die Eroberung von Jerusalem“ eingesetzt hat. Er markiert Räume mit Ziffern, die den Querverweis zu dramatischen Ereignissen bilden, die im Aktionsverlauf an diesen Orten stattfinden sollten. „Das letzte Abendmahl“ ist damit schon allein aufgrund seiner Bildsprache nicht als isoliertes Einzelwerk zu verstehen. Vielmehr ist es eine der Visualisierungen zum Konzept des Orgien Mysterien Theaters.

Der Text, den Hermann Nitsch im Jahr 2000 begleitend zu seinem „Letzten Abendmahl“ verfasst hat, eröffnet eine weitere Ebene, die für sein gesamtes Schaffen relevant ist. Nitsch erklärt darin, dass sein Ausgangspunkt für das Werk nicht das Johannes Evangelium war wie z. B. bei Leonardo da Vinci, in dem die Fußwaschung, das Gebot der Liebe und die Abschiedsrede Jesu ins Zentrum rücken. Er ging von den Texten der anderen Evangelien aus, die sich auf die Eucharistie beziehen. Für Nitsch war dieses Opferritual „eines der tiefsinnigsten mysterien, die religionen je hervorgebracht haben.“

Ohne selbst praktizierender Christ zu sein, war Nitsch fasziniert von eucharistischen Kulten, ihrem Symbolgehalt und ihrer sinnlichen Intensität. Brot und Wein, Kelche, Monstranzen, Wein- und Wasserkännchen, Hostien, gefaltete Tücher, Schalen und Ritualgewänder übten eine starke Wirkung auf ihn aus und wurden zum festen Bestandteil seiner Installationen. Diese Objekte stehen für sich als Form, aber sie symbolisieren auch die Transsubstantiation, bei der sich die Substanz von Brot und Wein in den Leib des Erlösers verwandeln ohne dabei die Gestalt zu verändern.

„gott selbst verkörpert die aussenwelt, wird zur speise, stirbt in uns hinein, erlebt in uns als gegessene göttliche substanz seine wiedergeburt und auferstehung“ schreibt Nitsch. Durch diese Wesensverwandlung wird Gott für den Menschen letztlich mit allen Sinnen erfahrbar. Ein Gott, der wie die (ebenfalls vierarmigen) hinduistischen Gottheiten Vishnu und Shiva für Zerstörung und Aufbaus steht.

Auf sein Orgien Mysterien Theater bezogen, verstand Hermann Nitsch die Überwindung der Sprache als eine Form der Transsubstantiation: ein Vorgang, durch den das reale Geschehen mit allen fünf Sinnen erfahrbar wird und in eine unmittelbare sinnliche Wahrnehmung übergeht. Die Trennung zwischen Innenwelt und Außenwelt wird aufgehoben, der Unterschied zwischen Transzendenz und Immanenz wird beseitigt. Die Teilnehmer des O.M. Theaters vollziehen die Essenz des Weltenprozesses, die Verwandlung vom Tod zur Auferstehung mit, und werden tiefer in das Sein hineingezogen.

Der Originalentwurf zum ausgestellten Siebdruck „Das letzte Abendmahl“ von Hermann Nitsch entstand in den Jahren 1976 bis 1979 in Bleistift und Kugelschreiber auf Papier. Er zeichnete das Motiv auf einen einzigen durchgehenden Papierbogen im Format 152 x 368 cm. Dieses Werk befindet sich heute in der Sammlung der Hall Art Collection im Schloss Derneburg in Deutschland. 1983 wurde die Zeichnung erstmals als Siebdruck auf weißer Leinwand und blutbeschütteten Relikttüchern aufgelegt. 2021 im Jahr vor seinem Tod beauftragte Hermann Nitsch eine zweite Auflage. Diese (hier ausgestellte) Variante wurde auf farbige Aktionsmalerei gedruckt und lässt das „Letzte Abendmahl“ zu einem leuchtenden Fest der Auferstehung werden.

 

12. März — 30. September 2026

Nitsch Foundation
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Österreich
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Dienstag bis Freitag 10 — 18 Uhr