Werk

Die Malerei Hermann Nitschs entwickelte sich aus einer komplexen Auseinandersetzung mit Themen des Kultes, des Theatralischen, der psychischen Verfasstheit des Menschen sowie aus einer religionsgleichen Beschäftigung mit der menschlichen Existenz. Im Rahmen dessen konzipiert Nitsch seit den 160er-Jahren seine Idee des Orgien-Mysterien-Theaters, jenes Konzept einer performativen Kunstaktion, das er in Prinzendorf entwickelte und dort regelmäßig zur Aufführung brachte. Eine komplexe Symbolsprache aus organischen Materialien und religiösen Elementen wie etwa der Opferung soll die Metaphern unseres Lebens, unserer Existenz, im realen Ereignis transformieren und einem Befreiungsgestus dienen, wie ihn etwa auch Antonin Artaud oder die Theaterreformbewegung der Jahrhundertwende proklamierten. Ganz im Sinne der Befreiungsgesten und Entgrenzungsstrategien der 1960er-Jahre bildet auch die Auseinandersetzung mit der Tiefenpsychologie im Werk Nitschs eine wesentliche Rolle. Der Künstler hat sich intensiv mit den Gedanken Richard Wagners und dem Gesamtkunstwerk auseinandergesetzt. Es wäre falsch, den Begriff des Gesamtkunstwerks nur auf die Konzeption des Orgien-Mysterien-Theaters zu reduzieren. Gerade die Transformation einer konzeptuellen Notation durch den theatralen Akt in die poetische Dimension der Malerei, das Verschmelzen von Opfergestus und künstlerischer Handlung liefern jenen künstlerischen Nährboden, den Nitsch auf dem Orgien-Mysterien-Theater aufbauend in der Malerei zu Entfaltung bringt. Theatralische Illusion wird übersetzt auf die Bühne des realen, konkreten Ortes, die Barriere zwischen Bühne und Zuschauer wird aufgelöst und dient der Realisierung jener Bestrebungen innerhalb der Theatergeschichte, die sich von Wagner über Piscator bis zum Happening der 1960er-Jahre zogen und die Kunst in wesentlichen Bereichen beeinflussten. An diesen Reinigungsprozess, der durch das exzessive Erlebnis erreicht wird, schließt Nitsch die Malerei des freien Gestus und der Übersetzung jener Erfahrungswelt nahtlos an.

- Harald Krejic, Hermann Nitsch. Orgien-Mysterien-Theater, seit 1960

Dieser Beitrag wurde entnommen aus Utopie Gesamtkunstwerk, 21er Haus, Wien, 2012
(Ausst. Kat. 21er Haus, 20.1.-20.5.2012), S. 80.